Grundsatz-Erklärung

Aktuelles on 23 Sep , 2014

Wo wir herkommen

Eine zwar unbestimmte, aber deutliche Unzufriedenheit mit den politisch, ökonomisch, sozial und ökologisch herrschenden Verhältnissen breitet sich schon seit Längerem in unserem Land, ganz Europa und weltweit aus.
Die einseitige Berichterstattung der Mainstream-Medien über diverse Kriege und Krisen weltweit, speziell jedoch in Bezug auf die Situation in der Ukraine, fanden und finden viele nicht mehr hinnehmbar. Die Wut der Bürgerinnen und Bürger stieg und steigt immer noch.
Auf diesem Hintergrund bildeten sich seit März 2014 – ausgehend von Aachen und Berlin – in vielen Städten wöchentlich stattfindende Versammlungen unter verschiedenen Namen: Friedensbewegung 2014, Montagsdemo für den Frieden oder Friedenstreff – überwiegend jedoch unter dem Namen Mahnwachen für den Frieden, meist eben am Montag Abend.

München

In München begann es im April 2014. Wir haben als Münchner Montags-Mahnwache für den Frieden – Sendlinger Tor turbulente Zeiten erlebt. Occupeace ging dann Anfang Oktober 2014 mit veränderten Konzept und Ausrichtung aus dieser Montags-Mahnwache hervor. Hauptgrund dafür war der dort gewollte Ansatz „Jeder darf reden“. Dies jedoch war unserem Grundanliegen der Friedensförderung nicht dienlich, da es auch unfriedlichen Inhalten eine Bühne bietet. Toleranz endet da, wo sie der Intoleranz die Tür öffnet. Über die Monate hinweg hat sich inzwischen ein verläßliches Träger-Team sowie ein unterstützender Helferkreis gebildet.

 

Grundsatz-Erklärung

OCCUPEACE ist Teil der „neuen Friedensbewegung“– diesem genannten Aufbruch von neu politisierten und friedensaktiv gewordenen Menschen, wie er sich seit Frühjahr 2014 zeigt. OCCUPEACE versteht sich in der über hundertjährigen Tradition der einen großen Friedensbewegung. Die vorliegende Grundsatz-Erklärung orientiert sich u.a. an das Statement der Kooperation für den Frieden vom Juni 2014* sowie den Erklärungen von Weitersroda* und Zeitz**

Unsere Grundlagen

Unser zentrales Anliegen ist der praktizierte Friede – das bedeutet eine friedliche Weltgesellschaft. Praktiziert aus einer Haltung der Friedfertigkeit zwischen Individuen, in Nachbarschaften, in Städten und Dörfern, zwischen Staaten, Regionen, Bündnissen, Weltanschauungen, Ethnien und Kulturen – bei Einhaltung der Asylrechte und einer fairen Immigrationsmöglichkeit.

Frieden unterscheiden wir dezidiert von „Befriedung“, welche lediglich eine – häufig durch Repression bewirkte – „Ruhigstellung“ und „Zementierung der Verhältnisse“ bedeutet. Auf der Grundlage eines humanistischen Menschen- und Weltbildes sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen von 1948) ist unserer Auffassung nach Frieden untrennbar verbunden mit dem Einsatz für echte Demokratie, allgültige Menschen- und Bürgerrechte, Inklusion, Integration, Solidarität (ggf. positiv-kritisch), Versöhnung, Freiheit, Gewaltlosigkeit (i.S.v. Nonviolenz), Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit und Fairness.

Bei unserem Einsatz für Frieden beginnen wir bei uns selbst, unserem unmittelbaren Umfeld und unserer Occupeace-Gemeinschaft. Unser Engagement gilt jedoch gleichermaßen den lokalen, regionalen und globalen Gegebenheiten. Und wir setzen all dies in Bezüge zueinander.

Unter dem Begriff Frieden verstehen wir mehr als „nur“ Pazifismus oder Antimilitarismus. Wir begreifen, dass viele weitere Themen zentral mit der Frage nach Frieden verknüpft sind. Daher sehen wir auch die Notwendigkeit eines friedlichen Umgangs mit Natur und Tier sowie der Religionen und Weltanschauungen untereinander, ebenso des Einsatzes für Menschen- und Bürgerrechte sowie für Ressourcengerechtigkeit.

Wir fragen nach den Ursachen für Unfrieden – und erkennen diese u.a. auch in den ökonomisch und monetär ungerechten bzw. fehlgeordneten Verhältnissen, sowie in Repression und Überwachung.
Wir suchen Möglichkeiten und Alternativen, die ein friedliches Miteinander aktiv befördern bzw. dieses ermöglichen, und entdecken dabei konstruktive Strategien, Lebenseinstellungen und Verhaltens-Techniken.

Ein besonderes Augenmerk richten wir auf gewaltfreie, dennoch nachdrückliche und eindringliche Sprache. Dies beinhaltet daher durchaus eine konstruktive Konfliktbereitschaft gegenüber jenen Kräften, welche unseren Überzeugungen entgegen stehen. Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit sind nicht gleichzusetzen mit Harmlosigkeit oder Einflussverzicht!

Selbstverständlich müssen wir, wenn wir uns mit Frieden befassen, auch mit Gewalt, Waffen und Rüstung sowie Krieg beschäftigen, diese Dinge deutlich benennen, aktiv dagegen protestieren und angehen, sowie die Akteure identifizieren, kritisieren und zur Umkehr auffordern.

Kapitalismus ist eine Ideologie und Gesellschaftsform, die jede Faser menschlicher Gesellschaft Wirtschaftlich-keitskriterien unterwirft. Ein derart unethisches, unmoralisches, menschenverachtendes und nicht nachhaltiges System ist als Gesellschaftsmodell unverantwortlich und inakzeptabel. Weitere vehemente Kritik an einzelnen Aspekten des Kapitalismus leitet sich aus dieser fundamentalen Systemkritik ab.

Medien – sei es Mainstream, Independent oder Selbstgestricktes – betrachten wir nicht per se als unglaubwürdig, stehen ihnen jedoch skeptisch gegenüber und ermutigen generell zu kritischer Rezeption und zur „Zweitmeinung“.

Wir erkennen, dass in der eingangs erwähnten Wut – in Form von Aggression – viel Energie steckt. Diese wollen wir in positives Wirken lenken, konstruktiv einsetzen und die Bürger’Innen mit auf diesen Weg nehmen, damit sich die Verhältnisse grundlegend ändern. Dabei werden wir uns schwerpunktmäßig auf jeweils einige Themen fokussieren, ohne das Übrige aus den Augen zu verlieren.

Die Instrumentalisierung der genannten Wut und der wütenden Bürger’Innen für Hetze gegen Minderheiten, zur Konstruktion von Feindbildern sowie zur Aufstachelung von Hass (sei dieser auch geschickt intellektuell verschleiert) entspricht nicht unserer friedfertigen Haltung. Solches wird daher niemals Platz bei unseren Veranstaltungen und sonstigen Aktivitäten finden. Wer auf Friedensbühnen sprechen möchte, muss auch außerhalb der Bühne den Weg des Friedens gehen.

Die ungefragte, unbefugte und unerlaubte Bezugnahme auf uns in Videos, auf Webseiten und in Sozialen Medien stellt häufig verfälschende Kontexte her und ist eine Form der medialen Instrumentalisierung, gegen welche wir uns entschieden verwahren.

Die skizzierte Auffassung und Bandbreite von Frieden bedingt, dass im Umkehrschluss bestimmte Dinge explizit ausgeschlossen sind. Uns ist dabei bewusst, dass uns diese unschönen Dinge nicht nur offen und direkt begegnen, sondern insbesondere sprachlich häufig camoufliert sind. Intoleranz gegenüber Religionen, Nationalitäten, Geschlechtern, Hautfarben, Sexualitäten, jeglicher Form der Diskriminierung sowie Hassprojektionen und Anwendung von Gewalt sind für uns nicht akzeptabel. Redner’Innen, welche solche Haltungen und Positionen vertreten und verkörpern, können bei unseren Veranstaltungen, anderen Aktivitäten oder unseren digitalen Präsenzen nicht zu Wort kommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie oder er als Privatperson oder als Vertreter’In einer Organisation auftritt und ob es sich um einen vorbereiteten Beitrag, ein Statement oder eine digitale Äußerung handelt. Sinngemäß gilt entsprechendes auch für jegliche Art künstlerischer Beiträge oder Aktionsvorschläge. Selbstverständlich wird auch entsprechendes Info-Material weder ausgelegt noch mündlich beworben oder digital gepostet.
Radikaldemokratische Gesinnung, die jedeN zu Wort kommen lassen und jedes Thema zulassen will, ist ein respektables Ideal. Diese vorgeblich liberale und torerante Haltung gibt jedoch jener oft subtil indirekten und daher manchmal nicht auf Anhieb erkennbaren Agitation Raum, welche unfriedliche Inhalte transportiert und präsentiert und somit den Begriff „Frieden“ sachfremd instrumentalisiert. Meinungspluralität im Maß und den Grenzen dieser vorliegenden Grundsatzerklärung ist bei Occupeace gewollt – ein radikaldemokratischer Ansatz wie beschrieben ist für unser Grundanliegen der Friedensförderung nicht dienlich.

Toleranz endet da, wo sie der Intoleranz die Tür öffnet.

Wir erkennen, wenn zurecht aufgebrachte BürgerInnen in Unkenntnis unabsichtlich mißverständliche Sprachformeln und Argumentationsfiguren verwendeten – denn dort besteht die Bereitschaft zur Einsicht sowie zu Korrektur und Präzisierung im Ausdruck. Davon unterscheiden wir, wenn o.g. Sprache hingegen uneinsichtiger Ausdruck eines festgefügten und dem Frieden entgegen stehenden Menschen-, Gesellschafts- und Weltbildes ist.

Uns ist bewusst, dass entsprechend interessierte Kräfte versuchen, die von uns positiv gesehenen Begriffe umzudeuten und die negativen Begriffe zu relativieren. Dem treten wir aktiv entgegen.

Gegenüber den nicht nur dem Wort, sondern auch dem Geist nach demokratischen politischen Parteien sind wir neutral. Wir betrachten sie differenziert, kritisieren ihre Auswüchse und Fehlentwicklungen, und sehen ihre dringende Ergänzung durch außerparlamentarische Aktivitäten sowie direktdemokratische Verfahrensweisen. Im Sinne der genannten Neutralität gestatten wir keine optische und/oder akustische Präsenz jeglicher Parteien. Auch mit Blick auf Weltanschauungen, Religionen und spirituelle Strömungen sind wir neutral – daher gestatten wir auch hier keine entsprechende optische und/oder akustische Präsenz. Von beidem ausgenommen sind gelegentliche Redebeiträge von Vertreter’Innen demokratischer Parteien, Religionen, Weltanschauungsgemeinschaften oder spritueller Richtungen zu bestimmten Aspekten von Krieg und Frieden.

Wir suchen die Vernetzung und in gegebenen Fällen auch das Bündnis mit all jenen zivil¬gesellschaftlichen Kräften, die unsere Überzeugungen und Ziele teilen. Dies gilt insbesondere für die in mehr als hundert Jahren gewachsene traditionelle Friedensbewegung in ihrer Vielfältigkeit. Wir sehen uns als neuen Spross einer langwährenden Kontinuität. Darüber hinaus setzen wir mit unserem breite(re)n Verständnis von Frieden einen neuen Akzent. Zusätzlich ist unsere besondere Stärke die kontinuierliche Präsenz im Öffentlichen Raum.

München, EineWeltHaus, am 23. September 2014
– im Bewusstsein der Nähe zum Internationalen Tag des Friedens am 21. September –
Einleitungsteil aktualisiert am 16. Dezember 2014

die Mitglieder im Träger-Team
* Der Kooperationsrat der KoopFrieden hat sich in diesem Statement differenziert und wohlwollend zu der Bewegung der Mahnwachen für den Frieden geäußert, klare Eckwerte formuliert und sich für örtliche Zusammenarbeit auf der Grundlage  dieser Eckwerte ausgesprochen.
Die Teilnehmenden aus verschiedensten Orga-Teams der Mahnwachen für den Frieden aus dem deutschsprachigen Raum haben dies auf dem Vernetzungstreffen im Juni 2014 in Weitersroda positiv aufgegriffen und eine entsprechende Erklärung als Antwort verabschiedet.

** Beim zweiten Vernetzungstreffen im September 2014 haben die Teilnehmenden sich auf fünf Kernforderungen geeinigt und dies als Erklärung verabschiedet.